Wo die  <b>Straße Endet</b>

Wo die Straße Endet

Abenteurer, die sich auskennen, verursacht schon die bloße Nennung des Darien Gap Herzrasen: ein sagenhaftes Niemandsland auf einer Landenge voller menschen- und naturgemachten Gefahren.
12-18-2018
Adventure

Article

Wayne Mitchell
#REVITRIDER

Geboren und aufgewachsen in Alaska, arbeitete Wayne als professioneller Jagdführer. 1994 trat er in die 207. Infantry Group Long Range Surveillance der US Army ein, in der er als Fallschirmjäger und leitender Aufklärer diente. Nach seiner Ernennung zum technischen Offizier im Jahr 2000 fungierte er in der Army als Berater und Ausbilder in Taiwan und der Mongolei. Heute arbeitet er für das US-Innenministerium als Park Ranger.

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Wayne Mitchell

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ABSEITS DER STRASSENKARTEDER DARIEN GAP

Im Jahr 2017 machte sich ein Team von Veteranen der US Army auf den Weg vom Polarkreis zu Südspitze Feuerlands und passierte dabei den berüchtigten Darien Gap. Hier ist die ganze Geschichte dazu, erzählt vom Teamchef Wayne Mitchell.

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„Dieser Ort am Rand der Karte“

Der Darien Gap ist ein 150 Kilometer langer Streifen unberührten Urwalds zwischen Panama und Kolumbien. Er ist die einzige Unterbrechung der Pan-Americana von Alaska nach Argentinien. Es gibt dort weder Straßen noch Brücken, nur einen schlammigen Fußpfad, der sich durch einen undurchdringlichen Dschungel aus Schlingpflanzen, Spinnen, Schlangen und vielen weiteren Lebensgefahren schlängelt. Das alles vor dem Hintergrund von zerklüfteten, dicht bewachsenen Bergspitzen. Nach normalen Maßstäben ist der Darien Gap weder für Autos noch für Motorräder passierbar.

Diese Landenge ist einer dieser speziellen Orte am Rand der Karte. Wenn Sie sich eine Karte von Kolumbien anschauen, liegt er in der nordöstlichen Ecke mit nur wenigen Detailangaben. Er verschwindet im Nichts, versehen lediglich mit einem dezenten Hinweis auf die Atrato-Sümpfe. Dahinter kommt Panama. Wenn Sie eine Karte von Panama betrachten, sehen Sie einen großen Bereich namens „Darien Nationalpark“. Das ist die Heimat der Kuna-Indianer, nur wenige Weiße sind bisher dahin gekommen.

Das ist der Ort am Rand der Karte mit so wenig bekannten Details, der mich seit beinahe 20 Jahren beschäftigt.

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Where the Road Ends 1
Where the Road Ends 2
Where the Road Ends 3
Where the Road Ends 4

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A RECORD FOR THE TAKING

Als ich 2005 im Irak stationiert war, erzählte ich einigen meiner Kameraden vom Darien Gap. Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass niemand bisher eine Straße dort gebaut hatte. Während der nächsten zehn Jahre wuchs meine Faszination für den Gap. Und obwohl es schon einige Passagen per Jeep, Land Rover oder Motorrad gegeben hatte, hatte noch nie jemand die Fahrt Alaska – Feuerland in einer Tour bewältigt. Alle brauchten mehrere Anläufe.

Nachdem einige meiner Militärkameraden und ich in den Ruhestand gegangen waren, intensivierten wir unsere Forschungen und Planungen zum Darien Gap. Dennoch blieb er ein dunkler Fleck am Rand der Karte. Auf Spanisch heißt er „Tampon“ (Stopfen), und alle Medien bezeichneten ihn als gefährlichsten Dschungel der Welt. Wahrscheinlich die Propaganda von Einheimischen, Drogenschmugglern und Menschenschleusern, die ihn als Durchgang von Süd- nach Mittelamerika nutzten.

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The Men

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Wir wollten die ersten Motorradfahrer sein, die ohne Unterbrechung von Deadhorse (Alaska) nach Ushuaia (Feuerland) fuhren und dabei den Darien Gap auf dem Landweg passierten. Dabei war uns die ganze Fahrt an sich relativ egal. Den Darien Gap zu meistern war unser größtes und wichtigstes Anliegen.

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Dieeisige Straße

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Mitte 2016 war unser Team komplett. Und obwohl wir alle nicht mehr in der Armee dienten, hatten wir doch zeitliche Einschränkungen. Uns blieben nur fünf Monate ohne Familien und Jobs, um die Fahrt von Alaska nach Feuerland zu absolvieren, ein Monat davon war für den Darien Gap vorgesehen. Der Dschungel in Panama und Kolumbien ist das ganze Jahr über mies, aber in der Regenzeit praktisch unpassierbar. Um also im Januar in Panama zu sein und dadurch der Regenzeit und den Schlammpisten zu entgehen, mussten wir im November in Alaska losfahren.

Doch wie sollten wir mit Motorrädern auf den gefrorenen Straßen in Alaska und Kanada vorwärts kommen? Für eine Antwort auf diese Frage besuchten wir die Edwards-Brüder. Simon, ein ehemaliger Doktor der Special Forces und jetzt Rennfahrer, war schon an Bord als Mannschaftsarzt. Er und sein Bruder Dave, ein genialer Tüftler, bauten vier Lastenbeiwagen, die den Motorrädern auf Eis Stabilität verliehen und extra Stauraum für Polarschlafsäcke, Sprit und Bekleidung bereitstellten.

Als Abfahrtsdatum von Deadhorse (Alaska) auf der nördlichsten Straße der USA wählten wir den 11. November, den Feiertag der Veteranen. Das war einerseits symbolträchtig, andererseits hatte es den Vorteil, dass die Straße von Prudhoe Bay nach Fairbanks praktisch ohne Verkehr war. Die Wetteraussichten: kalt, aber klar.

Wir hatten vorn ein Führungsauto, hinten einen Pickup, der sich um den CB-Funk mit den wenigen Truckern kümmerte. So machten wir uns am dunklen frühen Morgen auf den Weg. Ein paar Trucker und Angestellte von North Slope kamen und verabschiedeten uns. Die meisten von ihnen hatten noch nie ein Motorrad auf dem Dalton Highway im Winter gesehen.

Unser erstes großes Hindernis war der Atigun-Pass. Er ist zwar nur 1432 Meter hoch, aber seine Lage in der Brooks-Gebirgskette, 215 Kilometer nördlich vom Polarkreis, und seine Überquerung in der Nacht machte uns schwer zu schaffen. Unsere Reifen verloren viele Spikes, an einem Motorrad fiel das Licht aus. Im stärker werdenden Wind befestigten wir eilig neue Spikes und fuhren weiter in die Nacht.

Eine Stunde, nachdem wir den Atigun überquert hatten, klarte es auf. Der Mond kam heraus, die Temperatur sank auf -11° C. Einer von uns war immer noch ohne Licht und fuhr den anderen durch eine strapaziöse Nacht auf der dunklen und gefrorenen Straße nach Coldfoot Camp einfach hinterher.

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Idioten und Narren

„Nur ein Idiot oder ein Narr würde hier oben Motorrad fahren“, tönte es deutlich aus dem Funkgerät, zusammen mit einigen weiteren, wenig schmeichelhaften Kommentaren. Am Tag zuvor hatte sich die Nachricht verbreitet, dass sich eine Gruppe Veteranen auf Motorrädern über den Dalton Highway von Alaska nach Argentinien bewegte.

Die wenigen Trucker, denen wir begegneten, waren relativ positiv oder desinteressiert. Doch nachdem wir das warme Coldfoot Camp verlassen hatten und auf der schneebedeckten Straße weiter Richtung Yukon fuhren, wurden die Kommentare wahrlich nicht mehr ermutigend.

Auf die Frage eines Truckers, welche A***löcher hier oben im Winter mit Motorrädern führen, antworteten wir mit Namen, Dienstgrad und -nummer. Dieses Muster setzten wir für die nächsten zwei Tage fort, während wir uns Fairbanks näherten.

Und obwohl wir Richtung Süden fuhren, wurde das Wetter schlechter, bis wir uns in einem veritablen, zwei Tage andauernden Schneesturm wiederfanden. Wir nutzten die Zeit und behoben das Elektroproblem, während der Schnee die Stadt unter sich begrub.

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Beautiful mountains of Colombia

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Entspanntes Fahren, oder?

Die eisigen Straßen Nordkanadas brachten wir relativ entspannt hinter uns, abgesehen von einem Autofahrer, der mit einem von uns zusammenstieß, Gott sei Dank ohne großen Schaden. Die Kälte blieb unser ständiger Begleiter. Wir improvisierten, schnitten unsere Isomatten auseinander und schoben sie unter unsere Jacken und Hosen. Wir befestigten Seile an den Beiwagen, damit wir sie im Falle des Falles schnell abschleppen konnten. Wir zelteten auf dem Walmart-Parkplatz in Whitehorse, weil wir keinen geöffneten Campingplatz fanden.

An Thanksgiving erreichten wir im Staat Washington wieder die USA. Es schüttete wie aus Kübeln, während unsere Familien in Portland (Oregon) auf uns warteten. An einem Marathontag schafften wir 765 Kilometer in elf Stunden, kamen triefnass in Portland an und begannen, Seitenwagen und Fahrten bei Nässe und Dunkelheit zu hassen.

Wir genehmigten uns ein paar Tage Pause und da wir hofften, den Schnee endlich hinter uns zu haben, demontierten wir die Seitenwagen und fuhren auf zwei Rädern weiter nach Kalifornien. Die US-mexikanische Grenzen erreichten wir am 5. Dezember, genau nach Zeitplan. Vor uns lagen noch zwölf weitere Grenzübergänge, der von San Diego nach Tijuana sollte einer der schnellsten bleiben. Wir benötigten nur sieben Stunden.

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Südlich der Grenze

In Mexiko fuhren wir auf der Baja-Halbinsel weiter nach Süden. Ein heftiger Santa-Ana-Wind bremste uns ein, wir tankten Sprit aus rostigen Kanistern direkt von der Ladefläche eines Lieferwagens und zelteten am Strand oder hinter verlassenen Gebäuden.

Südwärts, immer weiter südwärts lautete unsere Richtung, auch nachdem wir wieder aufs mexikanische Festland übergesetzt hatten. Unser letztes Ziel in Mexiko hieß Troncones in der Nähe von Zihuatenejo. Der Freund eines Freundes besaß dort eine Villa am Strand und hatte uns eingeladen ein paar Tage zu bleiben. Eine gute Idee, wie wir nach unserer Ankunft feststellten.

Wir verbrachten drei Tage dort mit Ausruhen, Schwimmen und dem Versuch, zu surfen. Aber dann mussten wir weiter, aller Bequemlichkeit zum Trotz. Unser Doc brachte es auf den Punkt: „Der Darien ist das Monster, das schon über den Horizont linst.“

Am 7. Januar, vier Tage hinter unserem Fahrplan, erreichten wir Panama City und erhielten sofort eine schlechte Nachricht: Der Direktor der panamaischen Grenzschützer wolle uns sehen. Man wäre noch unschlüssig, ob man uns die Passage über den Darien Gap und durch den Dschungel nach Kolumbien gestatten solle.

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Mexico 1
Mexico 2
Mexico 3
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Dem Monster gegenüber treten

Die Straße von Panama City nach Yaviza wurde erst kürzlich frisch asphaltiert. Den durchdringenden Geruch des neuen Teers intensivierten 38 Grad Hitze und die direkte Sonneneinstrahlung. Die Kilometer flogen nur so dahin, bis wir in einer kleinen Stadt an einem Fluss landeten.

Die Straße endete abrupt an einer Fußgängerbrücke. Auf der anderen Seite verschwand ein Pfad im üppigen, über 150 Kilometer ununterbrochen Grün des Urwalds.


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Nachdem sich die erste Aufregung über unsere Ankunft gelegt hatte, eskortierte man uns in ein schwer befestigtes Militärgebäude. Die Motorräder parkten draußen, Fotografieren oder Filmen war streng verboten. Man setzte uns draußen hin und befahl uns, auf den Kommandanten zu warten. Nach einer Stunde erschien sein Adjutant und teilte uns mit, dass wir nicht weiter dürften. Michel, unser Übersetzer, meinte, das wäre bloß eine Taktik um festzustellen, wie entschlossen wir sind. Weitere 30 Minuten später kam der Kommandant aus seinem klimatisierten Büro, schüttelte uns die Hände und wollte Fotos. Wir könnten fahren, sagte er, und würde eine Patrouille zur Grenze schicken, um uns dort zu empfangen. »Aber nach Kolumbien geht Ihr allein. Dort seid Ihr nur auf Euch gestellt.“

Seine Warnung beeindruckte uns nicht besonders. Wir hatten Alaska und Kanada in Eiseskälte hinter uns gebracht, nur um jetzt an diesem Ort zu sein. Wir hatten unsere offizielle Genehmigung. Es wurde Zeit, sich dem Monster zu stellen.

Im Mondlicht schafften wir Motorräder und Ausrüstung auf frisch entladene Bananenboote. Es herrschte gerade Erntezeit und wir hatten Glück, drei große Boote mieten zu können. Eins war sogar groß genug, um alle vier Motorräder auf einmal flussaufwärts in das Dorf Paya zu transportieren, den letzten Posten der Zivilisation bis Kolumbien. Wir planten zwei Tage für den Transfer ein, regelmäßiger und für die Jahreszeit unüblicher Regen sorgte für ausreichend Wasser im Flussbett. Es regnete jeden Tag aufs Neue kräftig für eine Stunde, das machte unsere Bootsfahrt zwar einfacher, uns aber auch Sorgen über den Zustand des Dschungelpfads.

Schon auf dem ersten Kilometer wurde uns klar, dass wir den Darien Gap nicht im traditionellen Motoradstil durchqueren könnten. Knietiefer Morast in Kombination mit Schlingpflanzen, Hitze und Luftfeuchtigkeit forderte uns alles ab. Auf jedem Meter Fahrt trafen wir auf ein Hindernis, versank das Vorderrad im Schlamm, blieb der Lenker an einer Liane hängen, stießen wir auf eine Wurzel und stürzten. Und jedes Mal mussten wir die Motorräder wieder aufrichten und uns einen halbwegs ebenen Flecken zum Verschnaufen suchen. Doch das war noch nicht alles. An einem Motorrad gab die Kupplung nach anderthalb Kilometern und noch nicht einmal drei Stunden den Geist auf.

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DIE ANSTRENGUNGEN FORDERN IHREN TRIBUT

Immerhin schafften die drei anderen Motorräder noch 1,5 Kilometer. Zwölf Stunden Höllenarbeit für drei Kilometer und eine Maschine defekt. Kein guter Anfang. Abends lagen wir in unseren zum Schutz vor Moskitos und Ameisen gut verschlossenen Hängematten, beobachteten Einheimische, wie sie in großen Töpfen Reis und Sardinen kochten und diskutierten unsere Möglichkeiten.

Ausgeschlafen und mit klarem Kopf trafen wir am nächsten Morgen eine Entscheidung. Rich, der mit der kaputten Kupplung und der geringsten Geländeerfahrung, wollte sein Motorrad zurücklassen und nach Panama City zurückkehren. Es war ein düsterer Moment für uns. Zum ersten Mal erkannten wir, dass uns allen das gleiche Schicksal widerfahren könnte. Möglicherweise zu versagen war uns bis dahin nicht in den Sinn gekommen. Maximal hätten uns dunkle Mächte stoppen können, nicht aber unsere eigenen Entscheidungen. Möglicherweise zu versagen war uns bis dahin nicht in den Sinn gekommen. Maximal hätten uns dunkle Mächte stoppen können, nicht aber unsere eigenen Entscheidungen.

Der zweite Tag wurde noch brutaler als der erste. Mit der Hilfe von Eingeborenen schafften wir 3,5 Kilometer und entwickelten ein System. Einer von uns fuhr so weit, bis er an einem Hindernis hängenblieb oder hinfiel.

Die anderen schlossen auf, hoben das Motorrad auf und über das Hindernis hinweg. Wir schnitten Stöcke zurecht, mit denen wir den Morast aus dem Reifenprofil kratzten. Mit den Händen befreiten wir die Schmutzfänger vom Schlamm, mit Messern schnitten wir die Schlingpflanzen ab, die sich um Achsen und Kettenräder wickelten. Ein Schluck Wasser, kurz ausruhen, dann ging das Spiel von vorne los.

Am Ende des zweiten Tages hatten wir uns bis auf eineinhalb Kilometer der kolumbianischen Grenze genähert. Doch zu welchem Preis. An zwei weiteren Motorrädern war die Kupplung kaputt, uns blieb nur noch eine fahrtaugliche Maschine. Am Abend diskutierten wir bei schwarzen Bohnen, Reis und Dosenfleisch unsere Situation. Am nächsten Morgen trafen wir die einstimmige Entscheidung nicht aufzugeben, sondern mit allen Mitteln weiterzumachen. Wir befestigten Seile an den Motorrädern und zogen sie, wie Hunde einen Schlitten ziehen.

Jetzt waren wir komplett auf unsere einheimischen Kuna-Führer gestellt. Wir bewegten uns mit gleichmäßigem Tempo vorwärts und erreichten gegen Mittag die Grenze. Unsere bewaffnete Eskorte erwartete uns auf einer Lichtung, auf der ein Zementstein die Grenze markierte. Panama auf der einen Seite, Kolumbien auf der anderen. Wir schoben die Motorräder zusammen und schossen Fotos mit allen Mann. Die Grenzer schüttelten uns die Hände, wünschten uns Glück und verschwanden im Dschungel.

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Welcome to Colombia

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Willkommen in Kolumbien, jetzt geht’s nur noch bergab

Die tröstlichen Worte unseres Führers stimmten nicht so ganz. Ein Fluss verlief im Zickzack südwärts und hinterließ tiefe, steile, morastige Einschnitte im dunkelbraunen Erdreich. Der Weg hatte endgültig aufgehört zu existieren. Wir heuerten einen Einheimischen an, der mit einer Kettensäge unseren Weg von umgestürzten Bäumen freiräumte. Mit Macheten schafften wir uns Platz für die Lenker.

Nach zwei Tagen erkannten wir, dass es einfacher wäre, die Motorräder einfach durch den hüfttiefen Fluss zu ziehen als über jeden Hügel.

So sparten wir uns zwei Tage Arbeit und befanden uns auf einmal in tieferem Wasser. Wir schickten eine Nachricht nach Christalles, dem ersten Dorf in Kolumbien, und baten um Boote. Als wir um eine Flussbiegung kamen, sahen wir hocherfreut einige Unterstände am Ufer. Die ersten Zeichen von Zivilisation, seit wir Paya verlassen hatten.

Wir waren zu müde, um unsere Ankunft in Christalles zu feiern. Die Dorfbewohner waren über unsere Ankunft weniger aufgeregt, als wir vermutet hatten. Sie brachten uns zu ihrem auf Stelzen stehenden Gemeinschaftshaus wo wir warten sollten, während unsere Motorräder sicher am Ufer standen. Den Grund für den kühlen Empfang erfuhren wir schnell: In der Nähe lag eine 70 Mann starke Milizeinheit. Die müsse man erst fragen, ob wir bleiben dürften.

Bei Einbruch der Dämmerung kam der Dorfälteste mit der guten Nachricht. Ja, wir durften bleiben, aber nur für eine Nacht und sollten früh am nächsten Morgen wieder verschwinden. Unsere Drohne durften wir auch nicht steigen lassen. Natürlich akzeptierten wir das Angebot, legten uns schlafen, hatten noch vor dem ersten Tageslicht gepackt und verließen Christalles flussabwärts auf drei Booten, die wir gemietet hatten.

Wir überquerten die Atrato-Sümpfe innerhalb eines Tages. Zuweilen mussten wir die Motorräder aus den Booten entladen und durchs Wasser schieben, weil wir da, wo der Atrato-Fluss in das Sumpfbassin mündet, manchmal nur noch zehn Zentimeter unterm Kiel hatten. Später wurde der Fluss wieder tief genug und wir konnten die Motorräder erneut aufladen. Bei Sonnenuntergang kamen wir in der auf Stelzen errichteten Stadt Puntas Americas an. Die schmiegt sich an den Fluss wie eine Piratenstadt aus einem Disney-Film.

Wir verschwendeten keine Zeit, sondern meldeten uns direkt beim ersten Militärposten. Dort trafen wir nur auf Fragen und Zweifel zu unserer Reiseroute nach Kolumbien.

Nachdem wir das Kontrollprozedere hinter uns hatten, mieteten wir ein weiteres Boot, das uns in die Stadt Turbo bringen sollte. Noch ein Kontrollpunkt, noch mal mehrere Stunden Zeitverlust, dann saßen wir in pechschwarzer Nacht in einem Boot aus Fiberglas, das uns von Bocas de Atrato nach Turbo bringen sollte – ohne Beleuchtung, ohne Navigation. Wir waren zu müde zum diskutieren, versanken tief in unseren Sitzen zum Schutz vor der Gischt und warteten auf den unausweichlichen Überschlag unseres Wasserfahrzeugs und unseren daraus resultierenden Tod durch Ertrinken.

Doch wir ertranken nicht. Stattdessen kamen wir um Mitternacht wohlbehalten in Turbo an, schoben die Motorräder in eine Garage und machte uns, nahezu trunken vor Erschöpfung auf in die Stadt, um ein Hotel zu suchen.

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Retter, Heilige und Ersatzteile

Wir erreichten Rich telefonisch in Panama und trafen uns in Cartagena, wohin er einige Ersatzteile mitbrachte.

Von Cartagena fuhren wir weiter Richtung Süden durchs Armenia-Gebirge und Kolumbiens Kaffeeregion. Dort stiegen wir im Iron Horse in Filandia ab, einer ehemaligen Farm, die jetzt als Hotel für Globetrotter und Motorradfahrer diente. Einige Tage später standen wir an der Grenze zu Ecuador, nicht ohne vorher der aus dem Fels gehauenen Kirche Santuario Las Lajas bei Ipiales einen Besuch abgestattet zu haben.

An der Grenze trafen wir auf viele Flüchtlinge aus Venezuela, die auf der Suche nach Arbeit nach Chile oder Argentinien wollten.

Unser Grenzübertritt dauerte bis weit in die Nacht, doch wir schafften es, bevor die Zöllner Feierabend machten und fanden einen Zeltplatz direkt hinter der Grenze. Die Flüchtlinge hingegen kampierten inmitten ihrer Habseligkeiten direkt an der Grenze.

In Ecuador und Nordperu verbrachten wir nicht viel Zeit, denn wir wollten ein paar Tage rund um Machu Picchu wandern und einen Freund in Cusco treffen. Die Anden boten ein wenig Abwechslung zur Hitze des Urwalds. s war schon spät im Jahr und wir wussten, der Winter würde bald in Südamerika Einzug halten. Die Reparaturen nach dem Darien Gap hatten uns zeitlich zurückgeworfen. Dennoch nahmen wir uns die Zeit, einer Bergstraße zu einem Ort namens Hydroelectrica zu folgen, einem kleinen Flecken, den uns unsere Gastgeber im Iron Horse empfohlen hatten. Wir verschlossen unsere Sachen, bezahlten einen Einheimischen für die Bewachung unserer Motorräder und wanderten entlang der Schienen nach Agua Calientes, dem Tor zu den Ruinen von Machu Picchu.

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Peru

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Setting up Camp

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DIE GÜNSTIGERE STRECKE

Zwei Tage Wandern in und um die alte Inka-Stadt brachte uns zu der Einsicht, dass vier Monate Motorradfahren unseren Herz-Kreislauf-Systemen nicht geschadet hatte. Mit dieser erleichternden Erkenntnis stiegen wir wieder auf unsere Maschinen und setzten unseren Weg gen Süden fort.

Der Grenzübertritt nach Chile gestaltete sich sehr einfach, nach noch nicht einmal einer Stunde hatten wir alle vier den Papierkram erledigt. Wir waren wieder auf der Straße und wie so viele Abenteurer vor uns scharf auf unser nächstes Ziel, die Atacama-Wüste. Nach der Wüste folgten wir der Küstenstraße bis Santiago, wo wir zum hoffentlich letzten Mal auf dieser Reise Reifen wechselten. Die frischen Dunlop D606 sollten eigentlich bis Ushuaia halten.

Die Straße von Santiago nach Puerto Monte war fantastisch, wir legten an einem Tage entspannt 750 Kilometer zurück. Doch als wir in Austral ankamen, dem nördlichsten Punkt der Carratera, erhielten wir einen Weckruf: der Winter kam mit Macht, das bewies ein Eisregen, der uns hart traf. Während unsere Klamotten am Lagerfeuer trockneten, verbrachten wir die Nacht über Karten auf der Suche nach einer Alternativroute, die die drei wichtigsten Bedingungen eines Motorradfahrers berücksichtigt: Geld, Zeit, Wetter.

Schließlich entschieden wir uns für die günstige Variante mit kurzen Fährfahrten und gingen schlafen. So bescherte uns das Warten auf eine passende Fähre einen freien Tag, an dem wir an einem Motorrad die Batterie austauschten und besseres Kartenmaterial kauften.

Die Piste an der Küste entlang hatte nur wenige geteerte Abschnitte. Unsere Fahrt wurde unterbrochen von Fährübersetzungen und Kaffeepausen in kleinen Städten zum Aufwärmen. Der Regen wurde unser ständiger Begleiter. Normalerweise setzte er am Nachmittag ein und durchnässte uns ordentlich, bevor wir unser Nachtlager bei sinkenden Temperaturen aufschlugen.

Am 24. März schlugen wir unser Lager wir am Ufer eines Sees auf, und als wir am nächsten Morgen aufwachten, waren die Zelte eisbedeckt. Wir fuhren 23 Kilometer über eine Piste mit weicher Oberfläche, bis wir auf ein frisch geteertes Teilstück trafen. Der legendäre patagonische Wind sandstrahlte uns ununterbrochen. Erst gegen Abend, als der Mount Fitzroy in Sichtweite kam, legte sich der Wind. Wir stoppten, um eine Kleinigkeit zu essen und Fotos zu schießen von uns und unseren Motorrädern vor diesem schneebedeckten, atemberaubenden Hintergrund.

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Traveling motorcycles through the high Andes

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DERLETZTE SCHWUNG

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Nachdem wir ein paar Tage rund um El Chaiten gewandert waren, beluden wir unsere Motorräder und steuerten Ushuaia an. Der Wind wehte stark über die südargentinische Pampa. Wir erreichten die letzte Fähre am Abend und absolvierten einen schnellen Grenzübertritt nach Feuerland.

Wie weit die Jahreszeit schon vorangeschritten war, wurde uns bewusst, als wir durch die Berge Südargentiniens schlichen. Das Laub hatte sich bereits rot verfärbt, war von den Bäumen gefallen und bedeckte die Straßen. Wir folgten dem Ufer des Fagnano-Sees und überquerten noch einen letzten Pass, bevor wir in Ushuaia einfuhren.

Am 27. März um 14 Uhr waren wir endlich am Ziel nach fünf Monaten und fast 31.500 Kilometern, davon 150 durch den Darien Dschungel.

Für das Team war es ein wunderbarer Moment der Erlösung. Wir hatten unsere Mission nach beinahe drei Jahren Planung erfüllt. Wir hatten unser Ziel erreicht und etwas gemeistert, wovon wir jahrelang geträumt hatten.

Für einen Motorradfahrer kann der Trip von Alaska nach Feuerland die Fahrt seines Lebens sein. Für einen Abenteurer kann der Darien Gap eine unerbittliche Herausforderung sein. Für uns vier bedeutete der fünfmonatige Abenteuertrip, den Ort am Rande der Karte bereist zu haben.

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Für das Team war es ein wunderbarer Moment der Erlösung. Wir hatten unsere Mission nach beinahe drei Jahren Planung erfüllt. Wir hatten unser Ziel erreicht und etwas gemeistert, wovon wir jahrelang geträumt hatten.

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